Weltlehrertag 2019

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann zum Weltlehrertag 2019:
„Bildung heißt: Erziehung zur Mündigkeit!“
Utl: Auf den Lehrer kommt es an!
(9.10.2019)
  

„Das Ziel von Bildung ist“, so Konrad Paul Liessmann bei seinem Vortrag ‚Bildung als Provokation‘ anlässlich des Weltlehrertages 2019 am 8.10.2019 im vollbesetzten Reichshofsaal in Lustenau, „den Menschen zur Mündigkeit zu erziehen. Das Anliegen von Immanuel Kant aus dem 18. Jahrhundert ist hochaktuell. Zu ergänzen wäre etwa der Ansatz von Heinz-Joachim Heydorn, einem 1974 verstorbenen Pädagogen und Politiker, der verlangt, „Bildung müsse den Menschen zum Menschen begaben.“

Liessmann beklagte vor 300 begeisterten Zuhörern – vor allem Pädagogen - in Lustenau, dass durch die Kompetenzorientierung und fragwürdige Testungen – Stichwort PISA – das Wesen ganzheitlicher Bildung verloren gegangen sei. Die Bildungspolitik der letzten 20 Jahre sei in Deutschland und in Österreich von fragwürdigen Experten dominiert worden, die sich Zugang zu Politik beschafft und große Verunsicherung hervorgerufen haben. „Wenn man glaube, Bildung sei für alles zuständig und könne alle gesellschaftlichen Probleme lösen“, so Liessmann, „dann sei das Scheitern vorprogrammiert.“

„Reform um der Reform willen ist zum Gestaltungsprinzip geworden“, beklagt Liessmann, „Sozialkompetenz ersetzt Fachwissen, die Einteilung der Schule in Jahrgangsklassen sei vorsintflutlich, anstatt der traditionellen Fächer gibt es nun Fächerbündel, Noten gehören abgeschafft, Lehrer und Schüler müssen sich auf Augenhöhe begegnen und der Lehrer mutiere zum Coach und Lernbegleiter. Gemeinsam sei den selbsternannten ‚Bildungsexperten‘, dass sie gute „Rousseauisten“ (J. J. Rousseau, 1712-1778) seien: Jedes Kind ist hochbegabt, allerdings vernichten unsere ‚antiquierten Bildungsstätten‘ deren natürliche Kreativität.“

„Wir müssen Bildung und Wissen wieder eine Chance zu geben“, verlangt Liessmann. “Der oft verteufelte Frontalunterricht sei vom Ergebnis her erfolgreich und bei den Schülern beliebt. Es ist mühsamer, den Jugendlichen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen als den Umgang mit dem Smartphone – aber letztendlich wichtiger. Ernsthafte Wissenschaftler sind sich einig, dass der frühe Einsatz digitaler Medien schade und das Zurückdrängen der Handschrift ein Kulturverlust sei.“

„Die Reduktion der PISA-Testungen auf Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften blende wesentliche Bildungsinhalte – alte und neue Fremdsprachen, historisches Wissen, Literatur, Kunst und Kultur, religiöses Wissen etc. – vollkommen aus. Hier wird Bildung durch Kompetenzen ersetzt – das ist schädlich – nur ernsthaft gebildete Menschen seien zu echter Freiheit fähig. Wie beschränkt müssen Bildungspolitiker und Experten sein“, so Liessmann, „die PISA-Tests als Indikator für Bildung akzeptieren?“

„Kompetenzen zum Bildungsziel zu machen ist falsch“, so Liessmann, „Kompetenzen sind bestenfalls Mittel zum Zweck, um zu Bildung und Wissen zu gelangen. Wir müssen uns wieder auf das Wesentliche besinnen und gesichertes Wissen und Können in den Vordergrund stellen. Dazu braucht es Lehrer, die – von der Gesellschaft getragen – den jungen Menschen die Begeisterung vermitteln, die sie bildungsfähig mache.“